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Rameaus Vermächtnis – die Oper "Les Boréades" erweist sich in mehrfacher Hinsicht als revolutionär

Rameaus Vermächtnis – Die Oper

„Von allen Geißeln, die die Menschheit heimsuchen, gibt es keine unheilvollere als einen Tyrannen.“ – Diese Worte finden sich Mitte des 18. Jahrhunderts in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert. Ziel dieses Mammutprojektes war es, das gesamte Weltwissen zu bündeln und allen zugänglich zu machen. Mit der Macht des Wissens sollten die Menschen zu aufgeklärten und mündigen Bürger:innen werden, deren Wille zur freien Selbstbestimmung sich Bahn bricht: wie „ein Bach in der Wiese, der sich mitten durch die Blumen schlängelt. Doch wie einen Sturzbach leitet ihn Gewalt, wenn man diesen Fluss behindert und überall dort, wohin ihn seine Urgewalt führt, folgt ihm Verwüstung.“ Wer verspürt in diesen Schlussworten der Oper nicht eine Vorahnung der Französischen Revolution, die ein Vierteljahrhundert später zu einem einschneidenden gesellschaftlichen Umbruch führt? Mit ihren kritischen Diskursen und Kommentaren reizten die Enzyklopädisten das Regime um den französischen König Louis XV., der die sukzessiv erscheinenden Bände zensieren ließ, immer wieder auch verbat und jede Kritik an seiner Person und Herrschaft unter Todesstrafe stellte.

Im Dunstkreis der Encyclopédie bewegte sich auch Jean-Philippe Rameau, der so manches Mal subtil (und meist unbemerkt) Stellung bezog. In seiner letzten Oper Les Boréades aber ging der altersweise Achtzigjährige besonders weit: Diese „Tragédie“ mit Happy End wurde zum Plädoyer für Freiheit, Gleichheit und Humanität,
ein Aufruf zum Widerstand gegen die tyrannische Obrigkeit im Gewand eines pseudomythologischen Deckmantels. Die Handlung der Oper ist aus wenigen mythologischen Versatzstücken frei konstruiert.

„Es ist frappierend, wie ungebrochen aktuell Tyrannenherrschaft gezeigt wird.“
Christoph von Bernuth, Regisseur

Bevor jedoch ein hellsichtiges Publikum diese Botschaft erkennen konnte, brachen 1763 die Proben zu Les Boréades auf halber Strecke ab und es steht zu vermuten, dass es die Zensur war, die diese subversive Stimme zum Schweigen brachte. Das Stück verschwand ungespielt in der Schublade, wurde erst in den 1960er-Jahren in der Pariser Bibliothèque nationale wiederentdeckt, aber auch dann nur selten gespielt. Das lag zum einen an den völlig überteuerten Rechten (die erst 2019 erloschen) und zum anderen an der großen Herausforderung,
die das Stück in aufführungspraktischer Hinsicht an ein Theater stellt: Seit jeher spielte Tanz in französischen Opern eine große Rolle – meist in Form von autarken Balletteinlagen. In Les Boréades jedoch ist die Ballettcompagnie inhaltlich eingebunden und spielt als Gefolge, Volk und Priester:innen des Lichts eine ebenso
bedeutende Rolle wie der Chor: Für diese Oper braucht ein Theater also eine Ballettcompagnie und die gemeinsame Probenarbeit der beiden Kollektive erfordert eine besondere Logistik.

„Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Jeder Takt ist ein Meisterwerk.“
Attilio Cremonesi, Musikalische Leitung

Als revolutionär erweist sich nicht nur die Handlung, sondern wird auch die Musik immer wieder beschrieben, mit der Rameau visionär und kühn einen ganz eigenen Weg einschlug. Die harmonische Raffinesse und Komplexität
der Boréades führte zwar in eine ästhetische Sackgasse, macht das Werk aber dadurch umso einzigartiger: „In Les Boréades stecken ein Geist und ein Reichtum, wie man sie in anderen Opern nicht findet“, schwärmt auch der französische Haute-Contre Mathias Vidal, der mit der Hauptrolle des Abaris in Karlsruhe zu Gast ist und schon während des Studiums von Les Boréades raunen hörte: „Immer wieder war von der unglaublichen Schönheit dieser Oper die Rede. Man spürt darin deutlich die Erfahrung, die Rameau in seinem Alterswerk perfektionierte.“ Abaris ist es, der in Königin Alphise seine große Liebe findet – und mit dem Licht der Erkenntnis über das Dunkel siegt: „Meine Macht soll dem Wohle der Menschen dienen, ich werde damit ihr Schicksal wenden.“ 

„Für die Ballettcompagnie ist es eine neue und kostbare Erfahrung, in die Welt der Oper und in die Musik des 18. Jahrhunderts einzutauchen.“
Raimondo Rebeck, Ballettdirektor


Les Boréades
Tragédie von Jean-Philippe Rameau
Premiere 4.10.2025

Weitere Infos finden Sie hier.