Menschlichkeit und Humor im Herzen – Ein Porträt des Ballett-Choreografen Johan Inger ("La Dolce Vita")

Wie kann man die Werke des schwedischen Starchoreografen Johan Inger beschreiben? Im Zentrum steht stets eine tiefe Menschlichkeit, durchdrungen von Humor und Authentizität, gegossen in eine prägnante, kraftvolle und expressive Tanzsprache. Mit seinen schwedischen Wurzeln bringt Inger eine ausgeprägt nordische Perspektive in den weltweiten zeitgenössischen Tanz ein und verbindet meisterhaft klassische Techniken mit einer zutiefst menschlichen und modernen Herangehensweise.
Nach seiner Ausbildung an der renommierten Royal Swedish Ballet School und der National Ballet School Canada tanzte Johan Inger fünf Jahre beim Swedish Royal Ballet in Stockholm, bevor er sich 1990 dem Nederlands Dans Theater 1 (NDT) in Den Haag anschloss – einer der wichtigsten Compagnien weltweit für zeitgenössisches Ballett, der er bis 2002 als Tänzer verbunden blieb. Beim NDT kam er als junger Tänzer im Rahmen eines Workshops erstmals mit der Welt der choreografischen Kreation in Berührung und schuf sein allererstes Stück: „Ich mache zwei Minuten. Wenn es schlecht ist, ist es wenigstens schnell vorbei.“ Doch der damalige künstlerische Leiter Jiří Kylián nahm Ingers choreografisches Talent sehr wohl wahr und förderte ihn. Und Inger selbst erkannte die Kraft, durch Bewegung zu kommunizieren, und entdeckte für sich die Choreografie als mächtiges Instrument, um das Publikum auf eine einzigartige und zutiefst persönliche Weise zu erreichen.
Ingers Kreationen entstehen in erster Linie aus der Musik heraus. Klang erweckt für ihn Bilder, Emotionen und Situationen zum Leben. Obwohl er den Begriff „abstrakt“ vermeidet – „schließlich sind wir alle Menschen“, räumt Inger ein, dass seine Stücke oft aus einer tiefen emotionalen Verbindung zu Melodien und Harmonien entstehen. Bei narrativen Werken hingegen vertieft er sich in eine detaillierte Planung und arbeitet eng mit dem Dramaturgen Gregor Acuña zusammen, um jede Szene und Musikauswahl präzise zu gestalten. Seine erzählerische Arbeit, wie etwa in Carmen, 2016 mit dem renommierten Prix Benois de la Danse ausgezeichnet, ist das Ergebnis einer kürzlich entdeckten Leidenschaft, Geschichten durch Tanz zu erzählen. Sie spiegelt die Einflüsse klassischer Inszenierungen wider, die ihn seit seiner Jugend begleiten.
Ein jüngeres, ausdrucksstarkes Beispiel seiner choreografischen Vision ist das Werk B.R.I.S.A., das das Badische Staatsballett als Karlsruher Erstaufführung im Rahmen des Tanz-Doppelabends La Dolce Vita ab November im Großen Haus zeigen wird. 2014 für das NDT 2 entstanden, erforscht Inger darin das Thema von Umschwung und Veränderungen. Ein kleiner, mutiger Schritt genügt, um das Wagnis eines Wechsels einzugehen. Aus einer kleinen Brise entsteht der kraftvolle Wind des Wandels. Den fließenden Bewegungen der Tänzer:innen haucht Inger den Geist von Freiheit und Leichtigkeit ein, von Frische und Erneuerung.
Obwohl er als Leiter des festen Ensembles Cullberg Ballet in Stockholm sehr erfolgreich war, bevorzugt Inger die Dynamik und Unabhängigkeit seiner Tätigkeit als freischaffender Choreograf. Die Energie des Neuen und die kreative Herausforderung, mit unterschiedlichen Gruppen zu arbeiten, ziehen ihn stärker an als die Stabilität einer eigenen Compagnie. Dennoch blieb er dem NDT weiter treu und hatte dort von 2009 bis 2016 die Position des Associate Choreographer inne.
Bei jeder neuen Produktion legt Inger großen Wert darauf, während der Proben im Ballettsaal eine sichere Atmosphäre zu schaffen, in der sowohl Tänzer:innen als auch Choreograf experimentieren, Risiken eingehen, scheitern und die Magie des Unerwarteten entdecken können. Nur so kann der Tanz die Komplexität menschlicher Beziehungen widerspiegeln und sowohl die Schönheit und Tiefgründigkeit als auch die Verletzlichkeit, Erfolge und Misserfolge des Individuums erkunden.
Im Rückblick auf seinen Werdegang gibt Johan Inger der nächsten Generation von Kunstschaffenden einen wertvollen Rat: angstfrei experimentieren, Fehler als Teil des Wachstums akzeptieren und sich selbst nicht zu ernst nehmen. Mit dieser Philosophie leistet der große skandinavische Tanzschaffende weiterhin einen aktiven Beitrag zur Zukunft des Tanzes – einer Kunstform, die nichts an Lebendigkeit eingebüßt hat und die insbesondere ein jüngeres Publikum immer wieder aufs Neue begeistern kann.
La Dolce Vita
Ballettabend mit Choreografien
von Johan Inger und Kristina Paulin
Premiere 30.11.2025
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