Die Stille danach - Ein Gespräch mit Generalmusikdirektor Georg Fritzsch
Lieber Herr Fritzsch, mit Ende der Spielzeit 2026/27 verlassen Sie das Badische Staatstheater Karlsruhe. Deshalb möchten wir gern mit Ihnen zusammen auf die gemeinsame Zeit zurück- und ein wenig vorausblicken. Erinnern Sie sich an Ihr erstes Zusammentreffen mit der Staatskapelle, wie das war und wie Sie das erlebt haben?
Ja, daran kann ich mich sehr genau erinnern. Das geschah in der Spielzeit 2002/03, als ich als designierter Generalmusikdirektor in Kiel einen ersten Kapellmeister suchte. Ich war aufmerksam gemacht worden auf Johannes Willig, der damals zweiter Kapellmeister in Karlsruhe war. Und ich besuchte eine Vorstellung des Ernani, setzte mich in die erste Reihe ganz rechts außen, um den Dirigenten gut sehen zu können.
Was waren damals Ihre Eindrücke vom Haus?
Ich nahm vor allem die Distanz zwischen Posaunen und Hörnern im Orchestergraben wahr und dachte mir: „Oh Gott, das ist so weit auseinander, wie kann das funktionieren?“ An dem Tag hatte ich auf meiner geistigen Liste der Städte, die für mich von künstlerischem Interesse waren, einen Strich durch den Namen Karlsruhe gemacht. Aber wie das Leben so spielt …
Sie werden mit Ablauf der Spielzeit 2026/27 sieben Spielzeiten lang der GMD des Badischen Staatstheaters gewesen sein. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Gemischt, denn die Zeit war natürlich geprägt von verschiedenen Situationen: Zu nächst einmal von der Führungskrise um den Generalintendant Peter Spuhler, dann von Corona, dann natürlich von einer interimistischen Intendanz und der neuen Intendanz, schließlich auch von den Auswirkungen der Sanierung und Erweiterung des Staatstheaters sowie in den letzten Monaten von den Diskussionen um die finanzielle Ausstattung unseres Staatstheaters und die Relevanz von Kunst und Kultur im Allgemeinen. Also das war keine Zeit, die eben mal so locker vorbeigeht.
Corona ist ein passendes Stichwort: Ihre erste Spielzeit war 2020/21, also während der Pandemie und mit einem schwierigen Start?
Ja! Zehn Minuten nach dem ersten Sonderkonzert kam der zweite große Lockdown, der bis ins Frühjahr 2021 hineinging. Das Neujahrskonzert, das wir schon geprobt hatten, ist uns abgesagt worden.
Wie lang hat es gedauert, bis Normalität einkehrte?
Ehe wir wieder normal spielen konnten, waren im Prinzip anderthalb Jahre vergangen.
An welche Karlsruher Produktionen, Konzerte oder Kooperationen erinnern Sie sich besonders gern zurück?
Also ich erinnere mich sehr gern an Die schweigsame Frau mit Mariame Clément und den Rosenkavalier mit Andreas Homoki in der Oper. Ich erinnere mich sehr gern an die Alpensinfonie, die dann quasi das erste große Werk war, das ich machen konnte. Ich erinnere mich unheimlich gerne an das Mozart-Requiem mit Cantus Juvenum und unsere Festivals „Wochen der Nachhaltigkeit“.
Und ich erinnere mich sehr gern an das Nachtkonzert mit der Sechsten von Bruckner in der St. Bernhard-Kirche. Zu meinen persönlichen Höhepunkten zählen aber auch der Abend, an dem Gerhard Oppitz alle Beethoven-Klavierkonzerte spielte, die Arbeit mit und für die Junge Kapelle und jüngst die 3. Sinfonie von Gustav Mahler.
Was sind, neben der rein musikalischen Arbeit, die Aufgaben des GMDs?
Der Generalmusikdirektor ist laut der alten Präambel, die in jedem GMD-Vertrag stand, zuständig für das musikalische Leben in der Stadt. Und ich glaube, dass ich durch die Zusammenarbeit mit den Karlsruher Chören anlässlich unseres Geburtstagskonzertes „Auf Reger!“ – eine Kooperation, die wir zum Beethoven-Jubiläum 2027 wiederholen werden –, meine enge Zusammenarbeit mit Cantus Juvenum, mit dem Versuch, die Hochschule für Musik einzubinden, meiner Arbeit für die Junge Kapelle Karlsruhe sowie mit der Eruierung und Sondierung neuer Konzertspielorte da ein paar Akzente setzen konnte.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit der Badischen Staatskapelle erlebt?
In jeder Hinsicht glücklich machend.
Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an diesem Klangkörper?
Dass die Staatskapelle in unprätentiöser Weise Tradition pflegt und Innovation sucht.
Was waren Ihre Wünsche und Ziele für die Zusammenarbeit – was ließ sich davon umsetzen und was nicht?
Das ist natürlich ein weites Feld und offen geblieben ist sicher einiges. Der Anfang war durch Corona sehr belastet. Auch die Grundsituation hat Dinge nicht ermöglicht, die ich vorhatte. Das ist in gewisser Weise auch schade für mich, das empfinde ich als ein Manko meiner GMD-Zeit. Im Künstlerischen wollte ich einerseits die klassische Spielweise befördern, wie wir es bei den Beethoven-Sinfonien oder beim Mozart-
Requiem getan haben. Außerdem wollte ich eine Strauss-Serie aufbauen, was immerhin in Teilen gelungen ist.
Wie sind Sie zum Dirigieren gekommen?
Meine Jugend war von Kirchenmusik geprägt. Ich habe sehr viel gesungen, konnte sehr gut Cello und auch ein bisschen Posaune spielen. Aber schon als Kind habe ich mich zur Musik dirigentisch bewegt. Und irgendwann, mein Vater war Stadtkantor in Meißen und hatte sich in der Weihnachtszeit eine Lungenentzündung zugezogen, musste ich seine Verpflichtungen übernehmen. Da habe ich beim Dirigieren gespürt, was man mit den Händen alles machen und erreichen oder nicht erreichen kann. Und eigentlich habe ich zu diesem Zeitpunkt schon überlegt, dass ich probieren möchte, Dirigent zu werden. Dann bin ich aber erst ins Orchester gegangen – während dieser Zeit habe ich natürlich sehr viele Dirigenten beobachten können, von Herbert Blomstedt und James Levine bis zu Kapellmeistern an kleinsten Häusern in Operetten und Musicals – und habe quasi parallel Dirigieren studiert. Sicherlich ist diese Orchestersicht etwas gewesen, was mir extrem geholfen hat. Aber es war nicht originär beabsichtigt, dass ich Dirigent werde.
Das heißt, Sie haben neben Ihren Verpflichtungen im Orchester noch Dirigieren studiert?
Ja. In der DDR gab es ein sogenanntes „Abendstudium“, bei dem man montags freigestellt war, um zu studieren. Das habe ich fünf Jahre lang gemacht, zuerst in Dresden, weil das meine Heimat war, und dann bei Heinz Rögner in Leipzig. Das war alles in der Wendezeit. 1993 habe ich mein Examen gemacht. Da war ich 30.
Wer sind Ihre Vorbilder?
Ein Mann wie Fritz Busch, der mit größter Integrität gegenüber Menschen und Musik gehandelt und gearbeitet hat. Auch seine Art, wie er das Amt als Generalmusikdirektor in Dresden ausfüllte – Haltung zu haben und zu zeigen –, ist ein großes Vorbild für mich. Menschen wie Günter Wand, die in größter Aufrichtigkeit gegenüber der Musik und mit einer großen Willensstärke Jahrhundertinterpretationen erarbeitet haben. Carlos Kleiber ist mit seiner Genialität im Umgang mit Musik ein Vorbild. Harnoncourt war natürlich auch so ein Vorbild, den ich 1985 in Dresden hautnah miterlebt habe. Auch Pablo Casals ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild.
Haben Sie Carlos Kleiber in Dresden noch live erleben können?
Ja, ich war junger Student. Und mein Lehrer hat zu mir gesagt: „Du musst unbedingt mit. Wir nehmen hier gerade den Tristan auf. Ich bringe dich rein, aber lass dich ja nicht sehen. Der schmeißt jeden raus.“ Und das Schöne ist, dass ich in der Aufnahme war.
Wo und wie haben Sie sich versteckt?
Das war in der Lukaskirche. Auf der Empore, wo die Orgel steht.
Haben diese Vorbilder Einflüsse auf Ihre künstlerische Handschrift gehabt?
Natürlich. Auch die Staatskapelle Dresden mit ihrer Klang- und Spielkultur war extrem prägend für mich, gerade was Klang, Elastizität im Klang, Artikulation und einfach Ordnung angeht.
Was ist Ihnen dabei das Wichtigste?
Integrität gegenüber der Musik und den Menschen. Das ist das, was ich mir wünsche, was sich auch mit meinem Namen verbinden soll.
Wann ist ein Theater- oder Konzertabend für Sie ein gelungener?
Wenn die Leute nicht gleich „Bravo“ schreien und rausrennen. Ich liebe die Stille danach und hasse „Walking Ovations“.
Worauf freuen Sie sich in Ihrer letzten Spielzeit als GMD?
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Golda Schultz, die die Agathe in der von mir dirigierten Vorstellungsserie des Freischütz in Dresden war – anlässlich der Feierlichkeiten „40 Jahre Wiedereröffnung der Semperoper“. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Brigitte Fassbaender, mit der mich seit 2009 eine sehr tiefe Freundschaft verbindet, in der Arabella. Und ich freue mich ganz besonders auf Bruckners Achte, die dann Schlusspunkt aller meiner vier GMD-Stellen gewesen sein wird.
Was reizt Sie dazu, immer wieder die Achte als Schlusspunkt zu setzen?
Die Achte ist ein Stück, das mich mein ganzes Leben intensiv begleitet – in schwersten und schönsten Augenblicken. Es ist die Musik, die der Mutter Erde wie dem Himmel am nächsten ist – für mich.
Wenn ich Sie nun fragen würde, welche Musik Sie am tiefsten berührt ...
Bruckner!
Nur Bruckner?
Nein, auch Mozart. Beethoven. Bach. Mahler. Richard Strauss. Aber Bruckner voran.
Wie haben Sie sich als Norddeutscher mit sächsischen Wurzeln in Karlsruhe gefühlt?
Ich würde sagen, die Karlsruher und Karlsruherinnen haben sich ganz gut an meinen Dialekt gewöhnt.
Und umgekehrt?
Ich fühle mich als liberaler und toleranter Mensch.
Was ist Ihr Lieblingsort in Karlsruhe?
Der Turmberg in Durlach.
Wie entspannen Sie sich zwischen ihren Dirigaten?
Mittagsschlaf. Und wenn ich nicht in Karlsruhe bin: viel reiten.
Und nun schon die letzte Frage: Was folgt für Sie nach dem Ende der Spielzeit 2026/27? Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?
Also, erstmal bin ich froh, dass ich, mit einem Jahr Unterbrechung, 29 Jahre lang GMD sein konnte. Aber ich möchte keine verantwortliche Position mehr übernehmen.
Ich werde meine Professur ausüben. Und dann hoffentlich überall dort, wo mich Menschen gerne sehen möchten, noch weiter dirigieren. Ansonsten freue ich mich darauf, mehr Zeit für mich, mein Zuhause und für unsere Tiere zu haben. Und ich freue mich auf den Augenblick, wenn ich mal die Beine hochlegen kann und nicht das Gefühl habe, ich müsste jetzt eigentlich diese oder jene Partitur studieren, ein Konzept oder ein Gutachten schreiben, wo ich einfach mal ein Buch nehmen kann und keine nächste Verpflichtung habe.
