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Die Verlorenen

Die Deutsche Bühne, Manfred Jahnke, 8.6.2025

Das Stück „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer zeigt eine Welt, in der alle Beteiligten bei der Suche nach Sinn auf sich selbst zurückgeworfen werden. Alle sind auf sich allein gestellt. Stephan Kimmigs Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe schafft es diese emotionale Isolierung und Distanz so nah heranzuholen, dass sie unter die Haut geht.
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Die Texte von Palmetshofer sind nicht einfach. Seine durchrhythmisierte Sprache schafft Distanz, verschärft noch dadurch, dass die Dialoge zugleich eine Erzählhaltung widerspiegeln. Es wirkt, als ob die Akteure von sich selbst in der dritten Person sprechen. Konsequent versucht die Inszenierung von Stephan Kimmig die hinter dieser Sprache verdeckten psychologischen Tiefen dieser „Verlorenen“ auszuloten. Die Figuren bleiben sich dabei fremd. Sie unterwerfen sich der Situation, ohne sie wirklich zu begreifen. Das spielt das Ensemble hervorragend aus. Allen voran die Clara der Anne Müller. 


Badische Neueste Nachrichten, Andreas Jüttner, 10.6.2025

(...) in diesem so bedrückenden wie morbid-ironischen Stück, das jetzt als letzte Schauspielpremiere der Saison am Staatstheater Karlsruhe starken Applaus erntete, trifft [die Inszenierung] genau den Tonfall und das Thema (...)
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Wie ernst der Titel „Die Verlorenen“ gemeint ist, zeigt schon die erste Szene. Da steht das Ensemble nebeneinander und klagt gemeinsam das Leid seiner „allmächtigen Verzweiflung“ in den Raum. Die erste Zeile „Hallo? Ist da wer?“ klingt in der klar und schnörkellos gehaltenen Inszenierung von Stephan Kimmig wie ein kollektiver Hilfeschrei. Und schnell erreicht der Weltschmerz fatalistische Ausmaße wie bei Büchners „Woyzeck“: „Keine andre Welt, kein Drüben, Jenseits nicht, kein Ausgang“, konstatieren die Figuren und fühlen sich „eingeschlossen im Am-Leben-Sein“. 
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Am wenigsten Hoffnung besteht von Anfang an für Clara. Sie trägt, im Gegensatz zu ihrem abgekapselten Sohn, ihre Emotionen in schutzloser Offenheit herum. Und Anne Müller macht diese fragile Existenz zum Ereignis. Ob ihre Clara anfangs vor Harald und Svenja herumdruckst, um sich in die Auszeit zu verabschieden, ob sie in der Dorfdisco vor ihrer eigenen Neugier auf Kevin zurückschreckt und ihm später dann doch die Hand hinstreckt, ob sie vergeblich versucht, irgendeinen Draht zu Florentin zu bekommen - in allen Momenten ist zu spüren, wie dünn der Draht ist, auf dem Clara entlang balanciert.


nachtkritik.de, Sven Scherz-Schade, 8.6.2025

Großartig an Palmetshofers Stück ist der meisterhafte Mix aus dramaturgischen Stilmitteln. Es gibt Mauerschauen, Botenberichte und rasche Wechsel vom Dialog in epische Monologe, wo die Personen aus ihrer Sicht erzählen. Und das oft in behutsam verfremdeter Bühnensprache. Es gibt subjektlose oder unvollständige Sätze, die sich grammatikalisch im Nichts verlieren. Im wörtlichen Sinn gehen den Verlorenen also die Wörter verloren. Inversionssätze wie "Nicht so direkt man spricht" verleihen dem Ganzen etwas Magisches, merkwürdig Feierliches.

Der preigekrönte Regisseur Stephan Kimmig hat zum ersten Mal am Badischen Staatstheater inszeniert und überzeugt nun mit einer gut durchkomponierten Arbeit, die mit Videoeinspielungen und Musik ausgewogen gestaltet ist und in der Einsamkeit nicht als individuelles Leiden erscheint, sondern als Symptom sozialer Brüche. Das Premierenpublikum war begeistert.

Zur vollständigen Rezension


Die Rheinpfalz, Rüdiger Krohn, 11.6.2025

In seiner letzten Produktion dieser Spielzeit hat das Karlsruher Schauspiel sich ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen, das zur aktuellen Gemütslage passt und den Grundton der gesellschaftlichen Stimmung auskomponiert. „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer, 2019 uraufgeführt, nimmt voraus, was wenig später die Pandemie über die Welt brachte und in seinen Folgen bis heute spürbar ist: Einsamkeit und das Gefühl der Menschen, ausgeschlossen zu sein von der Geborgenheit gebenden Gemeinschaft.
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Mit der geschundenen Clara hat der zweistündige Abend eine herausragende Hauptfigur, der sich Anne Müller mit fulminanter Verve zuwendet. Sie spielt eine nicht nur zerbrechliche, sondern bereits zerbrochene Frau, schwankend zwischen nervösem Kleinmädchenton und resoluter Auflehnung, fahriger Schwäche und verzweifelter Wut, zärtlicher Wärme und ängstlicher Empfindsamkeit. Claras hinreißende, in ihrer scheuen Verletzlichkeit bewegende Liebesszene mit dem sensiblen Außenseiter Kevin, den Nikita Buldyrski mit grandios irisierenden Zwischentönen einer kaputten Seele ausstattet, wird durch sie zu einem nachhaltigen Höhepunkt des Abends.
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In sorgfältig ausgemalten Randfiguren, die mit der eigentlichen Handlung kaum zu tun haben und doch zur Ausmalung des sozialen Ambientes unentbehrlich beitragen, gibt es dankbare Aufgaben. Lucie Emons als sarkastische, gebeugte Kiosk-Wirtin, André Wagner als auftrumpfender „alter Wolf“ mit seiner vorausweisenden, packend vorgetragenen Geschichte von der Begegnung mit einer widerständigen Hirschkuh, und Fabian Kulp (...) gehen weit über farbiges Chargieren hinaus und runden die Aufführung zu einem insgesamt überzeugenden, vom Publikum zu Recht gefeierten Ereignis.


Theater heute (Okt '25), Björn Hayer, 27.9.2025

Es gibt Autoren und … Autoren! Während Erstere oft solide spielbares Textmaterial produzieren, besitzen Letztere – leider eine kleinere Gruppe – das Talent für Stücke von existenzieller Tragweite. Ihre Dialoge sind psychologisch genau lanciert, bergen eine sich subtil aufbauende Spannungsdramaturgie. Zu ihnen gehört zweifelsohne Ewald Palmetshofer, dessen 2019 uraufgeführtes Werk Die Verlorenen nun erneut am Badischen Staatstheater in Karlsruhe zu sehen ist – und nichts von seiner beklemmenden Wirkung eingebüßt hat.
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Theater in reinster Form, bestechend durch eine gute Geschichte und expressive Schauspielkunst.
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Selten sieht man ein derart berührendes wie fesselndes Bühnenspiel; markerschütternd in seiner Drastik, die wenig Raum für falsche Illusionen lässt.


Termine

Diese Produktion wird am 1.2.2026 zum letzten Mal aufgeführt.

Zur Zeit liegen keine Termine vor.

Besetzung