Die Rheinpfalz, Karl Georg Berg, 8.7.2026
Diesmal also führte für Karlsruhe Anna Drescher Regie in der Ausstattung von Tatjana Ivschina. Letztere hat im Grunde den größeren Anteil am optischen Eindruck von dieser Produktion, denn diese lebt im Grunde von ungewöhnlichen und durchaus starken Bildern, in denen die Regisseurin die Geschichte dann eigentlich ohne größere Eigenwilligkeiten am Text entlang erzählt. Das Prinzip heißt dabei eben weniger Umdeutung als Zuspitzung und Verstärkung - und statt Bühnenrealismus die Entfaltung einer eigenen nicht selten surreal anmutenden Bildwelt.
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[Johannes Willigs] Deutung der „Rigoletto“-Partitur setzt nicht vordergründig auf lautstarken Furor und Knalleffekte. Er sorgt vielmehr für viel Transparenz und Deutlichkeit in der Faktur und klanglichen Feinschliff. [...] Gerade diese Vielfalt der Charaktere und der Sinn für Kontraste machen diesen Verdis zum Ereignis.
Eine große Leistung bringt auch Anastasiya Taratorkina als Gilda. Sie war nicht nur den lyrischen und virtuosen Anforderungen dieser Partie optimal gewachsen, sie gestaltet die Partie selten vielschichtig und hintergründig als eine junge Frau mit durchaus auch eigenem Willen.
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Als Herzog von Mantua überzeugt Jenish Ysmanov durch bemerkenswerte Strahlkraft und sichere Höhe.
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Als Rigoletto bringt der Bariton Leonardo Lee die expressiven Züge der Rolle gut zur Geltung und singt mit markantem Ausdruck. Konstantin Gorny, seit 1997 ein packender Verdi-Bass am Badischen Staatstheater, ist natürlich auch als Sparafucile eine Stütze im Ensemble. Florence Losseau bleibt der kleinen, aber auffälligen Rolle der Maddalena nichts an Wirkung schuldig.
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Die Herren des Badischer Staatsopernchor zeigen sich als Höflinge und Stimmen eines Unwetters einmal mehr in bestechender Form.
Pamina Magazin, Christine Gehringer, 3.7.2026
Schauerlich, düster, packend
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Die Inszenierung von Anna Drescher ist durch und durch düster und beklemmend, und musikalisch überzeugt die Oper restlos.
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Schauerlich mimt der Herrenchor (Einstudierung: Ulrich Wagner) das Windgeheul zum nächtlichen Gewitter, das über der Spelunke des Auftragsmörders Sparafucile niedergeht. In dieser Szene läuft einem der kalte Schauer über den Rücken.
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Jenish Ysmanov stellt [den Herzog] als richtigen Wüstling dar – gelangweilt, mit einer leichten Attitüde zur Arroganz, und seine Stimme unterstreicht das: […] Seine Stimme ist ungeheuer kraftvoll, hat Farbsubstanz in der Tiefe. Die Höhe ist schlank und fokussiert, sie zeigt keinerlei Schärfe, wirkt niemals eng oder forciert. Da ist einer, der rücksichtslos seinen Willen durchsetzt, und im Übrigen sind seine Auftritte auch ein echter Hörgenuss.
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Die charakterstarke Stimme von Leonardo Lee [als Rigoletto] zeigt vor allem das Dämonische und Abgründige im Menschen, und dieses Wesen schlägt plötzlich um in Angst, Verzweiflung und Kontrollzwang, sobald es um Gilda geht. Aber auch das ist konsequent, da Rigoletto seiner Tochter die eigene Identitätsfindung verweigert und sie letztlich am Leben hindert. Dass Gilda aus diesem Gefängnis gerne ausbrechen möchte – das wird von der großartigen Anastasiya Taratorkina in einer Weise verkörpert, die zutiefst berührt. […] man spürt: Hinter der idealisierten Fassade verbirgt sich eine Frau mit eigenen Wünschen. In der Sterbeszene gelingt ihr dann wunderbar ätherischer, fast überweltlicher Ton. Man ist ergriffen.
Zum Fürchten ist Konstantin Gorny als Auftragsmörder Sparafucile, eine verruchte Maddalena gibt Florence Losseau; die Ambivalenz des berühmten Quartetts (Verführer und Geliebte auf der einen Seite, Vater und betrogene Tochter auf der anderen) wird auch hier durch die Regie nochmals hervorgehoben.
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Dass all diese Bilder ihre Wirkung entfalten – dazu tragen aber einmal mehr ganz entscheidend Johannes Willig und die Staatskapelle bei […]. Großartig. Ein mitreißender Opernabend.
Online Merker, Inge Lore Tautz, 3.7.2026
Das ist auch der Grundgedanke, den Anna Drescher in ihrer Inszenierung verarbeiten will: eine Gesellschaft, in der alles aufgesetzt ist und bestimmte Spielregeln gelten, die keine Individualität zulässt. Diese Idee übernimmt Bühnen- und Kostümbildnerin Tatjana Ivschina und kreiert einen „Seelenraum“, in dem sich Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit widerspiegeln.
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Anastasiya Taratorkina war die perfekte Gilda, (…) sie überzeugte durch großartiges Spiel, was durch die Enge des Raumes, der dazu noch vollgestopft ist mit Plüschtieren und wenig Platz lässt, umso beeindruckender war. Dazu ihre Stimme! Silbrig, hell, best sitzende Spitzentöne – alles vorhanden und mühelos umgesetzt. [...] [Jenish Ysmanov] verkörperte die Partie des Herzogs von Mantua mit schönen ariosen Passagen, die seine italienisch geprägte Stimme hervorhoben und von vokaler Autorität zeugten. Er verlieh der Figur Leidenschaft und Emphase. Besser gehts fast nicht.
Rigoletto alias Leonardo Lee hat seine Rolle als Außenseiter mit jeder Nuance durchdrungen. Dazu bedurfte es keinen Buckel, wie es im Libretto von Francesco Maria Piave vorgegeben ist. [...] Sparafucile, gesungen von Ks. Konstantin Gorny, der mit seinem tiefen seriösen Bass immer wieder beeindruckt.
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Florence Losseau mit schöner Mezzosopranstimme als Maddalena, Christina Niessen mit klarem Alt als Giovanna, Ogulcan Yilmaz als Graf von Monterone, guter Charakterbariton und Ks. Matthias Wohlbrecht als Borsa, wie immer zuverlässig in Stimme und Spiel. Der Herrenchor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe unter der Leitung von Ulrich Wagner tat sein Übriges, um mit großen Stimmen und präzisem Spiel zum Erfolg der Aufführung beizutragen.
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Dieses Wechselspiel der verschiedenen Stimmungen hat Johannes Willig zusammen mit der Badischen Staatskapelle musikalisch hochkonzentriert und mit federnder Behutsamkeit wieder gegeben sowie einen weiten Spannbogen gezogen, der Sänger und Orchester gleichermaßen trug.
So sollte Oper sein, packend, prägnant, (…) spannend und unter die Haut gehend. Das ist dem Badischen Staatstheater gelungen. Großartig!
Die vollständige Rezension lesen Sie hier.
Badische Neueste Nachrichten, Isabel Steppeler, 29.6.2026
Mit Anastasiya Taratorkina hat dieser Vater eine Gilda, die das reine Herz nicht glaubhafter verkörpern könnte.[...]
Der Verführer vervielfacht sich im Spiel mit Maddalena (Florence Losseau in ihrer letzten Premiere in Karlsruhe) zu drei Gestalten. Die eine blickt reumütig zu Gilda: die andere nimmt sich die Schwester gewaltvoll. Ein starkes Bild von innerer Ambivalenz. So entzieht sich Drescher der Schwarz-Weiß-Malerei.
Alles spielt sich in der düsteren Bilderwelt von Tatjana Ivschina (Bühne und Kostüme): hohe Wände auf der Drehbühne, ein Erdhaufen, ein weißes Laken, der gläserne Käfig – starke Bilder und Szenen, die Rico Gerstners Licht in scharfen Akzenten aus dem Schwarz schält.
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Johannes Willig zeichnet am Pult der Badischen Staatskapelle die Grundfarbe dieses „Nachtstücks“ bewusst düster, lässt die tiefen Register wundervoll raunen – dieses Dunkel bannt mit großer Eindringlichkeit. In das Schwarz sticht der helle Flötenton, der Gilda gehört: zauberhaft, ein Genuss.
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Leonardo Lee gestaltet den bemitleidenswerten Rigoletto mit großem Volumen und leidenschaftlicher Farbe. Jenish Ysmanov, gesegnet mit einem betörenden Timbre, ist ein Herzog von Rang, sein „La donna è mobile“ ein Ereignis.
Konstantin Gorny gibt einen diebisch-finsteren Sparafucile; Oğulcan Yilmaz ist der Monterone, dessen Fluch das Unglück lostritt.
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Den Abend aber trägt Taratorkina. Wie sie phrasiert, die Spitzentöne mühelos nimmt, im Forte glänzt – und im fragilsten Sotto voce ein lieblicher Faden Stimme ist, an dem ein ganzes Publikum hängt: Das muss man erleben. Am Ende geht alles unter die Haut: der Sturm, vom Chor gesungen, ebenso wie Gildas Tod.
So muss Verdi wirken. Das ist Oper.
SWR Kultur am Morgen, Bernd Künzig, 29.6.2026
Dazu wartet dieser Opernkrimi noch mit unsterblichen Hits auf, wie einer der berühmtesten Tenorarien ever aus dem Mund des Herzogs als Sexmaniac: „La donna é mobile“. Und hier singt der Tenor mal nicht als Held, sondern als Schwein. Das ist doch schon mal revolutionär.
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Mit der Ausstattung von Tatjana Ivschina verortet es die Inszenierung von Anna Drescher am Badischen Staatstheater Karlsruhe im surrealen Nirgendwo einer Nachtstadt mit Kaiserpanorama als Peep-Show, einem Turm der Begegnung zwischen Pissoir und Einraumwohnung, einer überdimensionalen Bettdecke und einer in die Schräge gekippten Kneipe am Sumpf. Das sind düstere Seelenlandschaften einer abgestumpften Spaßgesellschaft.
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Jenish Ysmanov singt diesen Herzog mit maskuliner Höhenkraft, dem der Schmelz lyrischer Verführung abgeht. Das ist vielleicht einseitig, aber konsequent.
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Anastasiya Taratorkina singt sich mit brillant geformten Koloraturen aus dem Puppenhaften in die entdeckte Weiblichkeit und ist die große vokale Verführerin. Eine sensationelle Gestaltung gelingt ihr hier mit diesem späten Abgesang Verdis auf den Bel Canto. Leonardo Lee ist als überbehütender Rigoletto die Noblesse des Fühlenden. Ein edler Bariton, der tragisch groß das Gebrochene dieser Figur singt.
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Großartig der Herrenchor mit seiner chromatischen Imitation des Windheulens, das der Szene das Unheimliche des entfesselt Animalischen gibt. Es könnte aus einem Film von David Lynch sein. Und dann ist da noch die Badische Staatskapelle mit ihrem Dirigenten Johannes Willig. Er ist der Maler, der mit einem verblüffenden Pinselstrich dem Klanggemälde die sogenannte Tinta Verdis verleiht. Der Blick in den Abgrund gelingt mit großartigem Sog, mit all den so präzis wie schön ausgeführten Sepiatönen der tiefen Holz- und Blechbläser und der melancholischen Cellolage. Es ist ein wahrhaft großer Opernabend, rundweg schön gesungen von einem tollen Ensemble mit einer Regie des intelligenten Opernsurrealismus.
Die vollständige Rezension lesen sie hier.
Termine
Freitag, 24.7., 19:30 - 22:15
Großes Haus
ML Willig; Der Herzog von Mantua: Ysmanov, Rigoletto: Yoon, Gilda: Taratorkina, Graf von Monterone: Yilmaz, Graf von Ceprano: Galaviz-Guerra, Die Gräfin: Bierweiler, Marullo: Glenn, Borsa: Ks. Wohlbrecht, Sparafucile: Zhao, Maddalena: Spilger, Giovanna: Niessen
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Sonntag, 20.9., 18:30 - 21:15
Großes Haus
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