Die deutsche Bühne, Elisa Freede, 18.4.2026
Kirkwood verbindet eine Familiengeschichte mit Quantenphysik und verhandelt dabei sowohl die Dramen des Alltags als auch die ganz großen Fragen: Wer ist zu schwach? Was wissen wir wirklich? Und wie wird die Welt wohl untergehen?
Auf Thurid Peines Drehbühne werden bunte Fensterwaben von hinten durchleuchtet – mal weich und fast sakral, mal als Simulation einer Protonenkollision. Planeten, Rauch, ein Bärtierchen im Stroboskop: Die Bühne wechselt zwischen Reduktion und Überladung und verstärkt so die Handlung. Zwischen den Fensterwaben tritt das Boson in den Raum der Menschen: mal als Erzählerin, mal in anderen Rollen – mit starkem Ausdruck und voller Skurrilität.
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Kirkwood hinterfragt im Stück, was familiäre Liebe eigentlich bedeutet: „Du bist eine gestörte Vollidiotin“, sagt Alice zu Jenny. Und fliegt trotzdem nach England, als ihre Schwester das Gespräch sucht. Genauso bleibt Jenny bei Alice, als deren Sohn Luke verschwindet. Ist Familie Abhängigkeit, Rivalität, Verantwortung – vielleicht alles gleichzeitig? Das Stück stellt die rohe, widersprüchliche Bindung zwischen Menschen heraus, die sich nicht selbst gewählt haben.
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[Kirkwood] zeigt damit: Herkunft entscheidet nicht über Schicksal, Charakter oder Überleben eines Menschen. Jedes Leben trägt zugleich sein Ende in sich. Ob das Trost oder Schrecken ist? Das entscheidet jede:r für sich. Das Kleine Haus verlässt man schließlich mit dem Gefühl, kurz am Rand von etwas Riesigem gestanden zu haben.
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Badische Neueste Nachrichten, Andreas Jüttner, 19.4.2026
Zwei Schwestern. Die eine ist eine bedeutende Physikerin im Leitungsteam eines der aufwendigsten Experimente der Menschheitsgeschichte und hat einen hochbegabten Sohn. Die andere holt sich ihre Infos über soziale Medien, zweifelt an der Wissenschaft und hat ein Kind wegen fehlender Impfung verloren. Welche der beiden Schwestern ist die bessere Mutter? Die Antwort ist bei weitem nicht so einfach wie es scheinen mag. Das ist einer der interessanten Punkte des Schauspiels „Moskitos“, das jetzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe Premiere hatte. Das Stück der britischen Autorin Lucy Kirkwood lässt die kalte Logik der Wissenschaft auf die bedrohliche Empathie der Verschwörungstheorien prallen.
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Dabei hat das Stück einen schlüssig gedachten Überbau. Es spielt in Genf, wo Alice am CERN-Institut versucht, mithilfe des weltgrößten Teilchenbeschleunigers dem Kern des Lebens auf die Spur zu kommen. Dort entsteht beim experimentellen Zusammenprall von elementaren Teilchen eine ungeheure Energie. Und das gilt auch für den Zusammenprall von Alice und Jenny. Hier punktet die Inszenierung von Anna Stiepani mit einer sehr gelungenen Besetzung der beiden Kontrahentinnen. Lisa Schlegel gelingt es, Alice in ihrer eiskalten Überlegenheit der Expertin als unfähig zur Empathie zu zeigen, ohne ihrer Figur die Empathie des Publikums zu entziehen. Und Frida Österberg zeichnet Jenny als atemberaubend vitale Borderline-Persönlichkeit, die enorm nervt, ohne dass man ihr wirklich böse sein könnte. Überzeugend vermitteln Schlegel und Österberg, dass diese beiden Menschen trotz ihrer Gegensätze miteinander verbunden sind, wie es wohl nur Geschwister sein können.
Nachtkritik, Thomas Rothschild, 20.4.2026
Die zwei zentralen Rollen freilich sind mit Lisa Schlegel als Alice und Frida Österberg als Jenny optimal besetzt. Sie bedienen sich einer traditionellen Einfühlungsästhetik, die der Machart des Stücks angemessen ist [...].
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"Moskitos" steht, wie gesagt, in der Tradition der Dramen über die bürgerliche Familie, über Konflikte zwischen Frauen, aber auch über den Stellenwert von Wissenschaft, enger noch: der Naturwissenschaft ("Leben des Galilei", "Die Physiker", "In der Sache J. Robert Oppenheimer"). Im Gegensatz aber zu den genannten Beispielen verweilt Lucy Kirkwood in der Gegenwart und bei fiktiven Figuren. Alice, Jenny und Karen sind Typen, nicht Literarisierungen historischer Persönlichkeiten. Das gibt ihr mehr Freiheiten und erspart ihr die Kammerdienerperspektive.
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