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La Dolce Vita

Die Rheinpfalz, Rüdiger Krohn, 1.12.2025

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Der Titel des Stückes B.R.I.S.A. leitet sich von dem portugiesischen Wort für „Brise“ her. Der schwedische Choreograf Johan Inger verwendet dieses Bild als Metapher für tänzerische Bewegungen, die sich aus minimalistischen Anfängen zu ausgreifenden Veränderungen erweitern können. Der Wind des Wandels ergreift das achtköpfige Ensemble, das zunehmend an Tempo und Lebhaftigkeit gelangt. Zunächst ist es ein schlichter Fächer, der für Luftzug sorgt. Danach stiften Haarföhne und robuste Laubbläser Bewegung, bis schließlich eine mächtige Windmaschine alles hinwegzufegen beginnt.
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Die choreografische Handschrift Ingers ist geprägt durch seine jahrelange Arbeit mit dem renommierten Nederlands Dans Theater, für das er dieses Stück 2014 kreierte. Die durchaus ernste Botschaft des 45-minütigen Werkes wird aufgehellt durch grotesk gebrochene Bewegungen der Tänzer, ihre Spielereien mit technischen Geräten, die pointierten Brüche und gut gelaunte Ausgelassenheit zu Musik von Nina Simone und Amos Ben-Tal. Das kleine Ensemble ist mit spürbarer Lust und sprühender Energie bei der Sache und macht das Werk zu einem kurzweiligen Erlebnis.

Anspruchsvoller geht es mit der Uraufführung von Paulins Fellini weiter, einer Hommage an den großen, 1993 gestorbenen Kino-Magier Federico Fellini, der sich durch Filme wie La Strada, La Dolce Vita und 8 ½ Ruhm geschaffen hat. Das Stück ist eine ideenreiche, anregende Fusion von Film und Ballett. Videos, Projektionen und Einspielungen bescheren ihm Anschaulichkeit, belebende Akzente und künstlerischen Zugewinn. Revueartig werden markante Stationen aus Fellinis Leben und Schaffen, aber auch seine Krisen beleuchtet. Paulin verzichtet auf eine schlüssige Handlung, sondern setzt einzelne Momente seiner Laufbahn in Szene, führt wichtige Filme an und stellt zentrale Beziehungen in den Mittelpunkt.
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Im Finale des Stückes kehrt Fellini aus dem Grabe zurück und holt Masina zu sich ins ewige Leben – eine eindringliche Szene. Schon Fellini hatte eine ausgeprägte Vorliebe für den Traum: „Nichts ist ehrlicher als ein Traum.“ Traumhafte Sequenzen spielen in seinen Filmen eine wichtige Rolle, und dem engen Bezug zwischen Fantasie und Wirklichkeit gibt Paulins Ballett immer wieder Raum – vor allem in der Szene, in der Fellini bei der Arbeit an 8 ½ (1963) eine schwere Krise durchleidet und von Visionen seines eigenen Schaffens und Scheiterns heimgesucht wird. Die Abseiten der „Traumfabrik Kino“ bilden ein Leitmotiv des einstündigen Balletts, dessen Episoden von einem diabolischen Zauberer Maurice, der schon in 8 ½ eine wichtige Rolle spielt, gelenkt und moderiert wird. In der Titelrolle des charismatischen Fellini stellt sich als neu engagierter Tänzer Christopher Evans vor, der jahrelang zur berühmten Hamburger Neumeier-Compagnie gehörte, diese aber nach Krisen um ihre Führung verließ und nun in Karlsruhe tanzt. Sein großer Pas de deux mit Lucia Solari als wunderbarer, anrührender Giulietta Masina gehört zu den Höhepunkten des Abends.
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Veronika Jungblut ist eine hinreißende Anita Ekberg, und Vitor Oliveira macht aus dem zwielichtigen Zauberer eine nachhaltige Studie. „Fellini“ ist eine aufwändige Produktion mit klug durchdachter Bühne von Sebastian Hannak, grandiosen Kostümen von Bregje van Balen und Videos von Valeria Lampadova. Der authentische Sound besteht aus Originalaufnahmen von Nino Rota (etwa die Titelmelodie zu La Strada) und hinzukomponierte Musik von Davidson Jaconello. Das fabelhafte Ensemble wird den ehrgeizigen Ansprüchen in den großen Szenen hinreißend gerecht. Dem Karlsruher Ballett ist ein Glücksgriff gelungen.


Die Rheinpfalz, Rüdiger Krohn, 2.12.2025

„Das fabelhafte Ensemble wird den ehrgeizigen Ansprüchen in den großen Szenen hinreißend gerecht. Dem Karlsruher Ballett ist ein Glücksgriff gelungen.“


Badische Neueste Nachrichten, Christiane Lenhardt, 2.12.2025

Fellini begeistert mit Ideenfülle.
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Paulins temperamentvolle Neuschöpfung Fellini mit vielen (...) cineastischen Einfällen ist eine einfallsreiche Würdigung eines der wichtigsten Autorenfilmer des 20. Jahrhunderts.
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Das Fellini-Ballett zur Musik des Fellini-Komponisten Nino Rota und des modernen Komponisten Davidson Jaconello ist handelndes Schauspiel mit biografischen Ansprüchen, hereinbrechenden Clownsgruppen als Metaphern für die Emotionen, mit Filmcrew beim Dreh, Paparazzi und Blicken hinters Kulissentheater.
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(...) Zur biografischen Liebesgeschichte zwischen Fellini (Christopher Evans) und seiner Muse und Ehefrau Giulietta Masina (wunderbar zerbrechlich getanzt von Lucia Solari) werden die innigen Verbindungen des Paars in einem größeren Pas de deux emotional fassbar.
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Ingers Tanzstil [in dem ersten Stück des Abends B.R.I.S.A.] ist einfach und eindringlich, mit humorvollen Überraschungen (...)
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Der Einfall, immer heftigere Bläser aufzufahren, ist überraschend und witzig (...)


Pforzheimer Zeitung, Eckehard Uhlig, 2.12.2025

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Johan Ingers für das Nederlands Dans Theater choreografierte und nun als Karlsruher Erstaufführung gebotene Tanz-Kreation B.R.I.S.A. präsentiert scheinbar locker hingeworfene, aber sinnfällig gefügte Sätze, die sich wie ein Crescendo zu Liedern von Nina Simone und Originalkompositionen von Amos Ben-Tal steigern.
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Die Tänzer lassen sich von Windstößen beflügeln, gleiten mit ausdrucksvoller Verve über die Bühne und verwenden eine Bewegungssprache, die oft an fröhlich sich tummelndes Meeresgetier, flatternde Vögel oder kriechende und fliegende Insekten erinnert.
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Alles bleibt harmonisch aufeinander bezogen, die Übergänge der Szenen entspannen. Man hantiert mit roten Fächern und im Höhepunkt mit auffallenden elektrischen Fön-Geräten, die lustig verspielt wie Pistolen gegeneinander gerichtet werden. Sogar Laubsauger kommen mit gezielten Luftströmen zum Einsatz. Schließlich wird der Teppich zusammengerollt und das Fest der Freude beendet.

Nach der Pause zeigt die Karlsruher Hauschoreografin Kristina Paulin als Uraufführung ihr Tanzstück Fellini, eine biografisch gefärbte Hommage für den italienischen Filmregisseur Frederico Fellini.
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Paulins Ballett arbeitet mit Rückblenden: Der vielfach geehrte Fellini (hier in Doppelbesetzung mit Lasse Caballero und Christopher Evans) sitzt im schwarzen Anzug einsam am Schreibtisch und erinnert sich. Da tauchen seine Filmstars alle auf, die erwähnte Masina (Doppelbesetzung Lucia Solari und Carolin Steitz), Marcello Mastroianni im weißen Anzug (Doppelbesetzung Pablo Polo und Philip Sergeychuk) oder Anita Ekberg (Doppelbesetzung Marta Andreitsiv und Veronika Jungblut). Ihr Tanz liefert ein zweites Bild zu den Filmsequenzen: Lärmende Szenen am Set, ein erregendes La Dolce Vita-Duett am römischen Trevi-Brunnen mit den Mastroianni- und Ekberg-Protagonisten, anrührende Pas de deux mit Masina-Fellini. Auch komödiantische Auftritte der von dem Meister-Regisseur geliebten Clowns, Nachtleben an der Bar und bebende Ballsaal-Ensembles. Schön eingefangen ist die traumverlorene Melancholie, die Hauptdarsteller Fellini umgibt.

Ist Kristina Paulin ein Fellini-Handlungsballett gelungen? Über die Art dieses Tanz-Genres und den Erfolg sollten die Zuschauer entscheiden. Das Premiere-Publikum reagierte jedenfalls mit jubelnder Begeisterung.


Pforzheimer Zeitung, Eckehard Uhlig, 3.12.2025

"Das Ballett des Badischen Staatstheaters sorgt mit zwei ganz unterschiedlichen Choreografien von Johan  Ingers und Kristina Paulin für jubelnden Beifall."